Zwischen den Orten

Meine Tochter sitzt zwischen meinen Eltern auf dem Sofa und betrachtet konzentriert ein Bilderbuch. Meine Mutter zeigt auf die Tiere, benennt sie mit dieser Geduld, die nur Großeltern aufbringen können – immer wieder, im gleichen ruhigen Rhythmus. Meine Tochter lauscht, greift nach den Seiten, will umblättern. Es ist eine kleine, alltägliche Szene. Aber ich spüre, wie sich etwas in mir zusammenzieht. In wenigen Tagen fahren wir zurück. Diese Nähe, die sich hier so selbstverständlich anfühlt, wird wieder zu Distanz. Das Vermissen wird zurückkehren – nicht dramatisch, sondern als leiser, beständiger Unterton im Alltag.

Wir sind über die Feiertage hier, bei meinen Eltern. Die Tage verlaufen langsam, ohne feste Struktur. Noch einmal im Bett umdrehen. Frühstück, das sich in den Vormittag zieht. Spaziergänge, die nirgendwohin führen. Abende, an denen wir zusammensitzen und einen Film schauen. Es gibt diese Momente, in denen wir gemeinsam lachen – über Kleinigkeiten, über Erinnerungen, über Dinge, die nur wir verstehen. Eine Leichtigkeit liegt in diesen Momenten, die ich sonst selten spüre. Es ist das Gefühl von Heimat. Nicht die Heimat, die man sich schafft, sondern die, die man mitbringt. Die in der Vertrautheit liegt, in den geteilten Jahren, in der Selbstverständlichkeit, mit der man zusammen ist. In Goslar gibt es das nicht. Noch nicht in dieser Form. Es gibt Momente des Ankommens, Momente, in denen sich die Kleinstadt richtig anfühlt. Aber diese tiefe Verwurzelung, dieses Gefühl, dass jeder Ort eine Geschichte erzählt, das fehlt noch. Hier, in der Stadt meiner Eltern, fahre ich durch Straßen, die ich blind kenne. Jede Ecke ist mit einer Erinnerung verbunden. Der Weg auf dem ich mit meinem Fahrrad zu spät zur Schule fuhr. Der Park, in dem ich Nachmittage mit meinen Großeltern beim Entenfüttern verbracht habe. Der Weg zum Supermarkt, den ich hunderte Male gefahren bin. Diese Vertrautheit ist gewachsen über Jahre, über Jahrzehnte. Sie lässt sich nicht erzwingen, nicht planen. Sie entsteht einfach, mit der Zeit.

Die Tage zwischen den Jahren haben eine besondere Qualität. Eine Zwischenzeit, in der der Alltag pausiert und Raum entsteht – für Rückblick, für Ausblick, für Fragen, die sonst im Alltäglichen untergehen. Die Eingewöhnung meiner Tochter in der Krippe geht weiter, auch jetzt. Das Dachgeschoss, das noch nicht fertig ist, wartet noch immer. Das Vermissen meiner Eltern ist da, unabhängig davon, welches Datum der Kalender zeigt. Leben denkt in Wellen, nicht in Schnitten. Veränderungen passieren allmählich, oft unbemerkt, und zeigen sich erst im Rückblick. Der Umzug in die Kleinstadt war so. Die Entscheidung für das Haus. Auch die Schwangerschaft. Nichts davon begann an einem bestimmten Datum. Alles entwickelte sich, fügte sich zusammen, nahm Form an – aber nicht nach Plan, sondern im Fluss der Dinge.

Das gilt auch für das, was kommt. Ich weiß nicht genau, wie sich dieses Jahr entwickeln wird. Aber ich spüre, wo meine Aufmerksamkeit gerade liegt. Der Kleingarten zum Beispiel. Er wird mehr Raum einnehmen, nicht weil ich es mir vorgenommen habe, sondern weil die Zeit dafür da ist. Meine Tochter wird größer, der Alltag findet seinen Rhythmus – und mit ihm der Wunsch, etwas wachsen zu sehen. Etwas, das nicht nach Plan entsteht, sondern nach Jahreszeiten. Jetzt, im Winter, liegt der Garten noch brach. Wenn ich daran denke, sehe ich kahle Beete, nasse Erde, die Stille, die über allem liegt. Aber ich denke auch schon darüber nach, was dort möglich ist. Welche Pflanzen ich setzen will. Welche Wege entstehen könnten. Wie viel Wildheit ich zulassen möchte. Der Garten ist ein Ort, der Geduld lehrt. Man kann ihn nicht beschleunigen, nicht erzwingen. Man kann nur begleiten, was ohnehin geschieht.

Es gibt eine Parallelität zwischen dem Garten und dem Leben in der Kleinstadt. Beides braucht Zeit, um sich zu entfalten. Beides wächst langsam. In Goslar bin ich jetzt seit einigen Jahren. Ich kenne die Straßen, ich habe Routinen entwickelt, ich weiß, wo ich einkaufe, wo ich spazieren gehe, welche Wege ich nehme. Aber die Vertrautheit, die ich hier bei meinen Eltern spüre – dieses Gefühl, dass jeder Ort eine Geschichte hat, die auch meine Geschichte ist – das entwickelt sich erst mit den Jahren. Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, Heimat mehrmals zu finden. Ob man an einem neuen Ort jemals dieselbe Verwurzelung spüren kann wie an dem, an dem man aufgewachsen ist. Ich habe in anderen Städten gelebt – in Barcelona, vor dreizehn Jahren. In Cádiz, vor fünfzehn Jahren. In Moskau, vor acht Jahren. Beides waren prägende Zeiten. Beides Orte, die mich verändert haben, die Teil meiner Geschichte geworden sind. Aber die Verbindung, die ich zu ihnen habe, ist eine andere als die zur Stadt meiner Kindheit.

In Barcelona kenne ich Straßen, durch die ich damals täglich ging. Ich erinnere mich an den Weg zur Arbeit, an bestimmte Cafés, an das Licht, das zu bestimmten Tageszeiten durch die engen Gassen fiel. Wenn ich heute daran denke, spüre ich eine Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit. Die Stadt ist noch da, die Straßen auch. Aber ich bin nicht mehr dieselbe Person, die damals dort lebte. Und die Stadt ist es vermutlich auch nicht. Cádiz hat eine andere Qualität. Vielleicht, weil die Stadt kleiner ist, überschaubarer, am Meer. Ich habe Cádiz immer geliebt – diese langsame Stadt, die sich Zeit nimmt, die großzügig ist in ihrem Rhythmus. Ich liebe sie noch immer. Aber auch hier gilt: Die Vertrautheit, die ich dort entwickelt habe, ist nicht die gleiche wie die, die ich hier bei meinen Eltern spüre. Sie ist dünner, fragiler, auf eine andere Weise kostbar.

Ich kehre immer wieder zurück zu diesen Städten. Nicht, um dort zu leben, sondern um zu sehen, wie sie sich verändert haben. Um zu spüren, wie ich mich verändert habe im Verhältnis zu ihnen. Um zu verstehen, was von der Verbindung geblieben ist. Orte verändern sich, Menschen verändern sich. Und manchmal passt beides nicht mehr zusammen. Manchmal schon.

Diese Spannung zwischen Ankommen und Fortgehen begleitet mich seit Jahren. Seit dem Umzug aus der Großstadt in die Kleinstadt. Seit der Entscheidung, ein Haus zu kaufen, Wurzeln zu schlagen. Aber Wurzeln zu haben bedeutet nicht, nicht mehr wegzugehen. Es bedeutet nur, einen Ort zu haben, zu dem man gerne zurückkehrt. Und vielleicht ist das der eigentliche Unterschied: Nicht, ob man bleibt oder geht, sondern ob man einen Ort hat, der einen hält, auch wenn man unterwegs ist.

Das Vermissen hat viele Schichten. Ich vermisse meine Eltern, ich vermisse die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Manchmal vermisse ich auch Barcelona, manchmal Cádiz, manchmal Moskau – nicht als konkrete Orte, sondern als Zustände. Als Versionen meines Lebens, die dort stattgefunden haben. Als die Person, die ich damals war. Aber ich bin auch angekommen – im Haus, in der Kleinstadt, in diesem Leben. Beides existiert nebeneinander, ohne sich zu widersprechen.

Goslar wird nicht Barcelona werden. Es wird nicht Cádiz werden und nicht Moskau. Und es wird auch nicht die Stadt meiner Eltern werden. Es wird etwas Eigenes sein. Ein Ort, den ich mir selbst erschaffe, über die Jahre. Mit dem Reihenhaus, das wir sanieren. Mit dem Garten, den wir gestalten. Mit den Routinen, die sich entwickeln. Mit den Erinnerungen, die entstehen – nicht aus der Kindheit, sondern aus den Entscheidungen, die ich treffe. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen der Heimat, in die man hineingeboren wird, und der Heimat, die man sich schafft. Die eine ist gegeben, selbstverständlich, tief verwurzelt. Die andere ist gewählt, bewusst, fragiler – aber vielleicht gerade deshalb kostbar. Weil man sich jeden Tag neu dafür entscheidet. Weil man aktiv daran arbeitet. Weil nichts davon selbstverständlich ist.

Das Reihenhaus wird weiter saniert werden. Nicht in großen Sprüngen, sondern Raum für Raum, in dem Tempo, das unser Leben zulässt. Mit einem Kind, mit Arbeit, mit all den anderen Dingen, die dazwischen liegen. Es gibt keinen Masterplan mehr, keine Timeline, keine festen Deadlines. Nur die Frage: Was brauchen wir gerade? Was macht Sinn? Und manchmal auch: Was können wir uns leisten, mental, zeitlich und finanziell? Der Garten wird Teil dieser Entwicklung sein. Ein Ort, an dem ich lernen kann, Dinge wachsen zu lassen, ohne sie zu kontrollieren. Ein Ort, der mir zeigt, dass nicht alles planbar ist – und dass das in Ordnung ist. Dass Schönheit auch im Ungeplanten liegen kann, im Wildwuchs, in den Pflanzen, die von selbst kommen. Der Kleingarten ist neu für mich, ein Terrain, das ich noch nicht kenne. Aber vielleicht ist das gut so. Vielleicht brauche ich gerade etwas, das ich von Grund auf lernen kann, ohne Erwartungen, ohne Vergleiche.

Ich werde hier weiter schreiben. Regelmäßiger als in den letzten Monaten, aber nicht nach einem starren Plan. Sondern dann, wenn etwas da ist, das geschrieben werden will. Über die Dinge, die mich beschäftigen: Räume, die sich verändern. Orte, zwischen denen ich mich bewege. Den Alltag, der sich immer wieder neu sortiert. Das Ankommen und das Vermissen, die beide Teil desselben Lebens sind. Es wird mehr Beobachtungen geben. Aus Goslar, aus anderen Städten, aus den Zwischenräumen. Ich will genauer hinschauen, wie sich Leben in der Kleinstadt anfühlt – und wie es sich unterscheidet von dem Leben, das ich vorher kannte. Was sich verändert hat, was geblieben ist. Welche Rhythmen entstehen, welche verloren gehen. Wie sich Orte anfühlen, wenn man zu ihnen zurückkehrt nach Jahren. Was von der Vertrautheit bleibt, was sich auflöst.

Barcelona wird wiederkommen in meinen Gedanken und vielleicht auch in meinen Texten. Nicht als nostalgische Erinnerung, sondern als Frage: Was ist aus der Stadt geworden? Was ist aus mir geworden? Passt das noch zusammen? Cádiz ebenso – dieser Ort am Meer, den ich so mag, zu dem ich immer wieder zurückkehren will. Nicht, um dort zu leben, sondern um zu verstehen, was diese Stadt für mich bedeutet. Warum sie mich anzieht, auch nach all den Jahren. Und es wird Reflexionen geben. Über Zeit, über Heimat, über das Gefühl, zwischen verschiedenen Orten zu stehen. Über das Muttersein, das mein Leben grundlegend verändert hat – aber nicht auf die Weise, wie ich es erwartet hatte. Über Freundschaften, die sich wandeln, wenn man die Stadt wechselt und ein Kind bekommt. Über die Frage, was Zugehörigkeit bedeutet und ob man sie mehrmals finden kann. Ob sie sich wiederholen lässt oder ob jede Form von Zugehörigkeit einzigartig ist. Nicht alles wird anders. Vieles bleibt. Das Haus bleibt, mit seinem unfertigen Dachgeschoss und seinen Möglichkeiten. Die Kleinstadt bleibt, mit ihrem Rhythmus, der manchmal zu langsam und manchmal genau richtig ist. Das Vermissen bleibt, und das Ankommen auch. Die Erinnerungen an andere Orte bleiben – an Barcelona, an Cádiz, an Moskau, an die Stadt meiner Eltern. Beides gleichzeitig und beides wahr.

Die Tage zwischen den Jahren gehen zu Ende. Bald fahren wir zurück nach Goslar. Zurück in den Alltag, der uns dort erwartet. Zurück zu dem unfertigen Dachgeschoss, zur Krippe, zu den Routinen. Und mit uns nehmen wir das Vermissen – aber auch das Wissen, dass es einen Ort gibt, zu dem wir zurückkehren. Ein Haus, das noch nicht fertig ist. Ein Garten, der darauf wartet, bepflanzt zu werden. Eine Kleinstadt, die langsam zu meiner wird.

Nicht auf einmal. Nicht nach einem bestimmten Zeitplan. Sondern Schritt für Schritt, Tag für Tag, in dem Rhythmus, den das Leben vorgibt. In der Zeit, die es braucht, um aus einem Ort mehr zu machen als nur einen Wohnort. Um Heimat zu schaffen, auch wenn sie anders ist als die, die man kennt. Um zwischen den Orten einen Platz zu finden – einen eigenen, gewählten, bewussten Platz.

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